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last Change: 06.12.17

Flugbericht eines 465 FAI - Dreieck
geflogen am 05.05.96 von Dieter Bartek (LS 4a) und Uwe Melzer (LS 4)

(Samstag 21:00 Uhr)
Nachdem am Freitag und Samstag eine schwache Kaltfront 8/8 Bewölkung und Regen gebracht hat, läßt uns ein langsam aus Nordwest herannahendes schwaches Hoch Hoffnung auf fliegbares Wetter, - allerdings die Vorhersage ist nur mäßig.

(Sonntag 8:00 Uhr)
Blauer Himmel zwingt mich aus dem Bett. 1 Stunde später bin ich bei Nadja und Buddy zum Frühstück. Wir beraten über die Möglichkeiten des heutigen Tages.
Klar ist, wir müssen Richtung Westen zum steigenden Druck hin ausschreiben. Ich schlage die Saarschleife und Rheinböllen (330km FAI) als Wendepunkte vor, aber Buddy ist das zuwenig. Nach intensivem Kartenstudium kommt er auf SP - Karlsruhe - Thionville - Koblenz - SP (465km FAI) . Meiner Skepsis mit Blick auf die mittlerweile ausgebildeten 5/8 zerfaserten Cu in niedriger Höhe, hält er die uns voraussichtlich zur Verfügung stehende Thermikzeit von 7 Stunden entgegen. Gern lasse ich mich überzeugen und von seinem Optimismus mitreißen.

(11:00 Uhr)
Die Flugzeuge sind aufgebaut und abgeklebt, der Barograf tickt, die Startmeldungen sind unterschrieben und fotografiert, allerdings ist die Luft noch sehr feucht, die 6/8 Cu sind noch unorganisiert, tief und lösen sich nur zögernd auf.

(11:40 Uhr)
Wir entschließen uns zum Start. Ich klinke in 900m aus, mache das Abflugfoto und treffe Buddy in 600m über Germersheim. Im Funk hören wir Markus Kries, 100km und über 1 Stunde Flugzeit liegen schon hinter Ihm. - Sein Startort Pirmasens wird uns im Rheintal immer eine Stunde voraus sein. - Allerdings hat er im Hunsrück Probleme mit zunehmender Bewölkung. Auch Martin Theisinger ist kurz auf der Frequenz und holt sich bei Markus Wetterinformationen.
Bei einer Basis um die 1000m fliegen wir vorsichtig nach Karlsruhe.

(12:22 Uhr)
Unsere rechten Flächen zielen auf den Tower von KA-Forchheim, der Fotomotor surrt und die 2. Wende Thionville wird ins GPS eingeben. Im Funk meldet Markus gerade den Abruch seines Dreiecks.
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Unser 2. Schenkel führt über den Bienwald auf den Pfälzer Wald zu. Wir rechnen mit dem Lee (Westwind !) und wollen so hoch wie möglich einsteigen, aber es geht ohne vernünftigen Bart am Flugplatz Schweighofen vorbei. Jetzt müssen wir durch -, frühestens hinter der Pfälzer Wald Kante ist wieder Thermik zu erwarten. Der Puls geht hoch, der Höhenmesser runter. Wir kommen tief an der Kante an, die Luft wird unruhig, wir trennen uns und fliegen die Abreißkanten ab - nichts. Weiter hinein. Ich schiele nach Osten, noch kommen wir aus dem Wald und über die ersten 15 km unlandbare Reben, es wird aber immer enger. Sensibilisiert geht es endlose Sekunden im Fallen Richtung Westen in unlandbares Gebiet.
Keine 100m über der 2.ten Hügelkette wird es wieder unruhig, Buddy stellt links von mir seinen Flieger auf die Fläche. Endlich: bockig, unrund - aber der Integrator steht über einem Meter. Höhe nimmt zu, Puls geht runter.
In 1600m richten wir die Maschinen auf und gleiten nun zügig weiter auf Kurs über den Flugplatz Bundenthal. Mit mittlerem Steigen um die 2m und Gleitfluggeschwindigkeiten jenseits 140 km/h geht es zwischen den Plätzen Zweibrücken und Pirmasens durch und am Nordrand der CTR Saarbrücken entlang.
An der französischen Grenze fällt die Sicht und die Basis kontinuierlich ab.

(14:11 Uhr)
Wir fotografieren den Tower von Thionville oben an der Basis in nur noch 1300m, weiter in den Westen wäre es wohl nicht gegangen. Drohend strecken sich uns die 6 dunklen Kühltürme von Cattenom entgegen, welche schon deutlich unter Ausbreitungen abgeschattet sind.
Wir fliegen bis zur Saarschleife in den Osten zurück, bevor wir bei guter Optik wieder auf Kurs Koblenz gehen. Im Südosten sehen wir nun eine massive Abschirmung aufziehen und Buddy zerschlägt mit seinem ungebrochenen Optimismus meine Bedenken.

Schnell und bei guten Steigwerten fliegen wir etwa 5 km östlich der Mosel entlang. Bei Dormagen müssen wir allerdings bis zum nächsten Aufwind tief runtergleiten. Wir stellen fest, das nur noch jede 2. - 3. Wolke zieht. Wieder an der Basis in 1750m gleiten wir nun vorsichtiger weiter. Buddy erwischt wenige Meter unter mir einen Bart nicht mehr richtig. Ich fliege vor und makiere den nächsten Bart, allerdings ziemlich tief - Buddy kommt tiefer. Zögernd kommt der Aufwind aus den Erdbeeren und bringt uns langsam wieder an die Basis.
20km vor Koblenz ist es nun an mir Buddys Abbruchgedanken zu zerstreuen.

(16:13 Uhr)
Nach dem Umrunden von Koblenz-Winningen in 1500m haben wir ein trauriges Bild vor uns. Abschirmung, kaum Sonneneinstrahlung, keine Cu´s, ´ne paar auseinandergelaufene Fetzen. Das Ende des Fluges vor Augen gleiten wir, 120km Luftlinie von Speyer entfernt, entlang der Autobahn dem Boden entgegen.
400m über Grund kommt doch noch aus einer der angeflogenen Abrißkanten schwaches Steigen. Wir klammern uns fest und vor uns kommt wieder etwas Sonneneinstrahlung durch. Es keimt Hoffnung auf, wenn dieser Bart lange genug hält und vorne die Sonne weiter einstrahlt.... wir kreisen weiter ganz langsam steigend um uns rum und beobachten gespannt den Himmel auf Kurs.
Da, keine 3km vor uns bilden sich Schleier. Ohne ein Wort über Funk gleiten wir sofort los. Über 1 Meter sagt der Integrator nach dem ersten Kreis und er wird besser, bald hat er 2m und die Höhe langt schon bis Langelonsheim. Als wir in 1750m weiterfliegen sieht es auf Kurs wieder gut aus, ein Blick auf die Uhr, kurz vor Fünf, nur noch 100km, das muß klappen. Euphorie kommt auf. Wir fliegen wieder zügig voran. An der Basis kommen wir zurück in die Ebene und schauen von ganz oben auf den Flugbetrieb in Langelonsheim. Wir sind uns sicher, das wir nach Hause kommen und überlegen wir am Optimalsten, Schnellsten Speyer erreichen.
Doch plötzlich, ab Alzey wird alles blau, milchig, kaum noch Sicht. Sofort schalten wir zurück und fliegen mit der Geschwindigkeit des besten Gleitens in diese Luftmasse. Uns fehlen noch ca. 600m um nach Speyer zu kommen, doch die Luft ist tot, keine Horizontalbewegung mehr, mit dem Eigensinken gleiten wir dahin. Nun war guter Rat teuer. Schlagen wir jetzt doch noch kurz vor Platz ein ? Die Höhe langt gerade so nach Dannstadt. Wir entschließen uns aber Kurs auf die BASF zu nehmen. In 750m finden wir über Frankenthal einen teigigen Warmluftbart indem wir mit integriert 0.2m mühsam 150m gutmachen. Unerwartet bilden sich über der BASF leichte Schleier, hoffnungsvoll verlassen wir unseren "Feingewinde"-Bart.
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Buddy fliegt um alle Alternativen abzudecken den Nordrand der BASF an, ich halte direkt auf den Schleier zu. Über den Schloten kommt Bewegung in die Luft, es fühlt sich gut an, schon greift der Aufwind unter die Flächen, ich stelle die Ruder in die Ecke, die Varionadel springt auf 2m, es stinkt nach Chlor - das isser ! Buddy ist schon da und wir wissen, dies ist das letzte Mal das wir heute kreisen.

(18:00 Uhr)
Wir nehmen 250m mehr als nötig - die Spannung fällt nun urplötzlich ab, der Kopf legt sich entspannt auf die Nackenstütze, Varioton weg, austrimmen, ein letzter Schluck aus dem Trinksack, - Fläche an Fläche gleiten wir die letzten 25km durch ruhige Luft.

(18:20 Uhr)
Wir pfeifen mit vmax über den Platz und landen auf der 17 im Gras.

Nach über 6½ Stunden Flug mit allen psychischen, physischen und physikalischen Höhen und Tiefen ist man eigentlich nach der Landung nur körperlich anwesend. Wenn man wieder vor dem Anhänger steht, glaubt man selbst kaum, daß die Masse an Eindrücken welche man während des Fluges erlebt und gesammelt hat, in diesem kurzen Zeitraum wirklich passiert sind. Es dauert Tage bis der Kopf alles verarbeitet hat.
Buddy und ich werten prinzipiell alle Flüge im Nachhinein Bart für Bart, Streckenabschnitt für Streckenabschnitt aus. Regelmäßig kommen wir beim Sichten der uns zur Verfügung stehenden Daten, die nüchtern Diagramme und Tabellen füllen, ins Schwärmen und fiebern wieder ungeduldig dem nächsten Flug entgegen.


Daten des Fluges:  
Flugzeit: 6:40 Std.
absolute Flugstrecke: 495,13 km
Schnittgeschwindigkeit: 72,70 km/h
Gesamt erkurbelte Höhe: 11464 m
Kurbelanteil: 39,70 %
mittleres Steigen: 1,24 m/s
mittleres Gleiten: 37,80
DMSt Punkte: ca. 877

Startflugplatz: Speyer 08 27 00E 49 18 00N 96m        
Abflugpunkt: Speyer
08 27 00E 49 18 00N 96m
1. Schenkel: Kurs 194° 36,5KM 7,7%
1. Wende: KA Forchheim
08 19 55E 48 58 51N 100m
2. Schenkel: Kurs 284° 160,3KM 33,9%
2. Wende: Thionville Flpl.
06 12 05E 49 21 17N 160m
3. Schenkel: Kurs 41° 143,6KM 30,4%
3. Wende: Koblenz Flpl.
07 31 30E 50 19 30N 195m
4. Schenkel: Kurs 151° 131,8KM 27,9%